Fiktionen nach dem Krieg

Posted on: Oktober 1st, 2012 by Stefan 6 Comments

Ich kenne keinen Krieg. Blut und Bomben kenne ich nur aus Filmen, Nachrichten und Fotografien. Kriegsaufnahmen kenne ich in Farbe nur aus fernen Städten, die aus meiner Heimat sind alle Schwarz-Weiß.

Meine Arbeit  „Fiktionen nach dem Krieg“ beschäftigt sich mit der Zeit danach, wenn sich Rauch und Militär verzogen haben und der Alltag in die geschundene Stadt zurückkehrt. Unsere Geschichte erfahrbar zu machen und Historisches fotografisch mit dem Jetzt zu verbinden sind zentrale Aspekte der Aufnahmen. Hintergrund der Aufnahmen ist die Zerstörung Würzburgs am 16.03.1945.

 

„Es handelt sich um Bilder der Nachkriegszeit in Deutschland, von heute aus gesehen.“

 

Viele der historischen Fotoaufnahmen über die ich während meiner Recherche stieß, wirken wie spontan aufgenommene Bilder. Sie zeigen neben der meist zerstörten Architektur auch Menschen, die sich in der unwirklichen Szenerie bewegen. Die Fotos wirken nicht wie artifiziellen Architekturaufnahmen, sondern werden durch die Bewohner der Stadt belebt. Man fragt sich: „Woher kommen diese Menschen? Wohin gehen sie? Was haben sie erlebt?“ Dieser erzählerische Aspekt des historischen Fotomaterials hat mich von Anfang an fasziniert und sollte in der Arbeit herausgearbeitet werden. Es geht um den Menschen in seiner urbanen Umgebung, seinem Zuhause.

Zu Beginn des Projekts dachte ich, ich müsse inszenieren, um Bildinhalte zu generieren und den Fotos eine Aussage zu geben. Schnell wurde aber klar, dass romantisierende Elemente, wie z.B. ein spielendes Kind vor einem zerstörten Haus, zu banal und bekannt wirken. Beim Fotografieren der Motive merkte ich schnell, dass die ganz normalen Passanten und Touristen die Stadt ja schon von sich aus beleben, den Ort charakterisieren und so ganz ungezwungen Bildinhalte schaffen. Die Protagonisten sind zwar selektiert und aus mehreren Aufnahmen in die Bilder eingefügt, jedoch waren sie alle innerhalb eines gewissen Zeitraums an diesem Ort. Dieser kleine Zeitraum beschreibt jedoch sehr treffend die Stadt und ihre Bewohner und gibt einen fast zufälligen Querschnitt durch unsere Gesellschaft.

Man sieht keine inhaltlich aufgeladen Inszenierung, sondern entdeckt Bekanntes, vielleicht sogar seinen eigenen Alltag wieder. Es hetzten Passanten mit dem Handy am Ohr durchs Bild, Pärchen schlendern mit einem Kaffee in der Hand durch die Innenstadt oder Touristen knipsen Erinnerungsfotos vor den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Ich denke, das erleichtert den Einstieg in die Bilder und damit auch in die ernste Thematik.

Der Betrachter wird in seiner unmittelbaren Umgebung abgeholt. Er wird in seinem Alltag angesprochen und ohne Dramatik und Sensationalismus für das ernste Thema „Krieg und Zerstörung“ in der Geschichte und Gegenwart sensibilisiert. Er kann so vielleicht etwas besser nachempfinden, wie es damals in seiner Heimat/seinem liebsten Reiseziel zuging oder wie es momentan in einer der vielen Kriegsregionen zugehen könnte.

Fiktionen nach dem Krieg:  Bachelorarbeit Kommunikationsdesign; Stefan Bausewein; Sommersemester 2012; Erstprüfer: Prof. Dieter Leistner; Zweitprüfer: Dr. Ivo Kranzfelder; Hochschule für angewandte Wissenschaften; Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt; Fakultät Gestaltung

 

> Fiktionen nach dem Krieg, Falkenhaus, Würzburg

 

> Fiktionen nach dem Krieg, Alte Mainbrücke, Würzburg

 

> Fiktionen nach dem Krieg, Residenz, Würzburg

 

> Fiktionen nach dem Krieg, Festung Marienberg, Würzburg

 

> Fiktionen nach dem Krieg, Mainufer, Würzburg

 

> Fiktionen nach dem Krieg, Vierröhrenbrunnen, Würzburg

> Making of: Fiktionen nach dem Krieg

Hier gibt´s die Bilder noch einmal in höherer Auflösung.

 

Auch zu sehen bei:

http://www.fotofeinkost.de/stefan-bausewein-wuerzburg/

 

 

6 Responses

  1. lisa sagt:

    wow! sehr interesanntes thema und tolle bilder! besteht denn die möglichkeit die ganze arbeit mal einzusehen?

  2. Kai Dölzer sagt:

    Hallo Stefan, das ist eine sehr interessante Bildstrecke die thematisch direkt unter die Haut geht. Fast schon gruselig die Vorstellung, dass die Zerstörung gar niemanden stört, die Freizeitidylle der Menschen scheint völlig ungetrübt. Ist die Tatsache, dass wir heute gegen solche Gewaltbilder schon völlig abgestumpft sind von Dir gewünscht?

    • Stefan sagt:

      Hallo Kai,

      vielen Dank für deinen Kommentar und den interessanten Gedankengang. In meiner Recherche bin ich immer wieder auf historische Bilder gestoßen, welche neben Trümmern und menschlichen Tragödien auch scheinbar alltägliche Szenen abbilden. Die Menschen mögen vielleicht ignorant, abgebrüht oder teilnahmslos erscheinen (wahrscheinlich sind sie das heute wesentlich mehr als in der Nachkriegszeit), jedoch zeugen sie auch von ungetrübter Geschäftigkeit und einer lebensbejahenden Einstellung. Bomben nehmen Menschenleben, zerstören Häuser und Städte, jedoch zerstören sie nicht die Hoffnung und den Überlebenswillen der Bewohner. Der Wiederaufbau in der Nachkriegszeit zeugt eindrucksvoll davon. Neben all den existenziellen Belangen zieht/zog in einer neuen besseren Zeit ohne Krieg auch wieder Freude in das Leben ein. Dieser Zeit sollen sich die Bilder widmen.

  3. [...] der Zerstörung Würzburgs nahm ich im vergangenen Jahr zum Anlass die Recherche zu meiner Fotoserie: “Fiktionen nach dem Krieg” zu beginnen und mich mit der Geschichte der Stadt um 1945 zu befassen. > Motiv Falkenhaus aus [...]

  4. Barbara sagt:

    Ich empfinde diese Bilder als verstörend. Dieses übereinander abbilden von verschiedenen “Zeitzonen”, noch da zu mit strahlendem Touristenwetter und Frühlingsgrün. Ich kenne die Zeit direkt nach der Zerstörung nur aus Erzählungen meiner Mutter, habe aber aus meiner Zeit als Schulkind noch ganz viele Baulücken und Grundstücke mit teilweise zerstörten Häusern in Erinnerung. Für mich als Kind waren sie immer so etwas wie Mahmale, die die Gedanken an die schreckliche Zerstörung und das große Leid der Menschen wach gehalten haben. Hauptsächlich daran erinnern mich diese Bilder.

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